(Bier-)Historisches

Bier aus dem Wendland – eine untergegangene Tradition

Noch vor 150 Jahren brauten viele Familien auf dem Land ihr Bier für den Eigenbedarf selbst. Zusätzlich belieferten allein im Südkreis des Wendlandes Mitte des 19. Jahrhunderts elf Brauereien die zahlreichen Dorfschänken mit dem typisch wendländischen Braunbier. Die Braurohstoffe Hopfen und Gerste wurden auf kleinen Hofstellen in der Umgebung angebaut.

Wendland und Teile der angrenzenden Altmark bildeten damals ein bedeutendes Hopfenanbaugebiet. Noch heute findet der Wanderer wilde Hopfenranken aus dieser Blütezeit des Brauhandwerks in den Wäldern Lüchow-Dannenbergs.

bierwagen bergen 1921

Bierwagen Bergen, 1921. – Quelle: wendland-archiv.de

Folgende Zitate aus:
Karl Hennings. Das Hannoversche Wendland. Festschrift, dem Central-Ausschusse der Königlichen Landwirthschafts-Gesellschaft zu Celle bei seiner Anwesenheit im Wendland im Sommer 1862, gewidmet von dem Landwirthschaftlichen Lokalverein des Wendlandes zu Lüchow. Lüchow 1862. Selbstverlag des Vereins.

„Bei dem großen Verbrauch von Bier und Branntwein im Wendlande nehmen unsere Brauereien und Brennereien demgemäß einen hohen Rang ein. Wurde und wird hier im Lande sowohl Gerste als auch Hopfen in umfangreichen Quantitäten und in nicht zu verachtender Güte gewonnen, so ist nichts folgerichtiger, als daß sich für den Betrieb der Brauereien ein gutes Feld bot. Blicken wir in die alte Zeit zurück, wo einmal die Konkurrenz noch nicht so groß war als jetzt, und ferner das Hauptmaterial zur Brauerei, die Gerste, wegen wenig vorgeschrittener Kultur nur ausnahms- und stellenweise mit Sicherheit angebaut werden konnte, so daß man lieber zur Bestellung der Felder mit Roggen und Hafer seine Zuflucht nahm, – blicken wir in diese Zeit zurück, so war der Brauereibetrieb in Lüchow, welche Stadt für den Verkehr fast ausschließlich maaßgebend war, ein viel größerer als jetzt. Diese Stadt hatte ehemals zahlreiche Brauereien, und versorgte nicht allein einen großen Theil der Landdrostei Lüneburg, ließ ihr kräftiges Bier meilen- und tageweit durch die Haide fahren, sondern erfreute sich auch in der angrenzenden Altmark eines bedeutendes Absatzes, so daß die Kronik berichtet unser wendisches Produkt sei bis in die Nähe von Magdeburg gekommen. Ist auch der Absatz inzwischen durch erleichterte Zufuhr von Außen und Fortschritt der Bierbrauerei in den benachbarten Städten und Gegenden bedeutend geschmälert, so ist er doch noch augenblicklich ansehnlich genug. Hat der Wende in alter Anhänglichkeit noch sehr viel Sinn für das Getränk der Väter, für den dicken, süßen Stoff halber Gährung, so müssen wir uns dennoch wundern, daß man hier, wo durch Jahrhunderte der berühmte Sitz der Brauerei war, mit der Neuzeit wenig fortgeschritten ist und bei vorhandenem guten Material keine einzige Lagerbierbrauerei zählt, so daß uns die benachbarten Städte mit diesem immer mehr Absatz findenden Nahrungsmittel versorgen müssen. Augenblicklich zählt das Wendland 11 Brauereien. Davon sind 7 in Lüchow, 2 in Wustrow, 1 in Clenze und 1 in Bergen.

brauerei bergen

Schlossbrauerei, Bergen a.d.Dumme – Quelle: wendland-archiv.de

Von Wichtigkeit für das Wendland ist der Hopfenbau. Er wird hier, wenn auch nicht so stark wie im Amte Dannenberg, doch im höchst ansehnlichen Maßstabe betrieben, und zwar nur in einer geschlossenen Kette, in den nördlichen und nordöstlichen Gegenden, namentlich den Lucie-Dörfern. Es sind immer nur bestimmte Ortschaften, welche sich der Kultur dieser Pflanze seit Jahren mit Vorliebe hingeben. Trotz der großen Erträge, die aus Hopfen gewonnen wurden, indem schon der Zentner mit 100 Thaler bezahlt ist, und trotz der lockenden Aufmunterung, die daraus erfolgen muß, haben die Dörfer, die an die Ortschaften grenzen, wo dieses Gewächs vorzüglich und viel gebaut wird, sich nicht bewogen finden lassen mit dem Anbau des Hopfens vorzuschreiten. Wir haben sehr viele Gegenden im Wendlande, die sich für einen solchen Bau nach Boden und Lage eignen, bei dem starken und zunehmenden Absatz dieses Artikels steigert sich der Durchschnittspreis alljährlich; und treten auch nur selten solche günstigen Jahrgänge auf, wie wir sie neuerdings gehabt haben, so ist doch der Hopfenbau im Allgemeinen ein lohnender, und nicht genug ist von allen Seiten auf die Verbreitung dieses Betriebes hinzuwirken. Der Acker wird dabei wenig in Anspruch genommen, Körner- und Fruchtbau brauchen darunter nicht zu leiden.

Der wendische Hopfen ist von mittlerer Qualität, jedenfalls aber besser wie der in der Altmark. Verwendete man auf den Hopfenbau die Sorgfalt und Pflege, die der gute Ertrag daraus verdient, so würde die Qualität noch besser ausfallen. So sollte man einmal mehrauf bairische Pflänzlinge geben. Die vor Zeiten von Spalt eingeführten dieser Art haben die besten Resultate geliefert. Leider ist der alte Schlendrian der Wenden wieder davon abgekommen. Dann wird ferner beim Pflücken der Dolden und beim Trocknen derselben zu wenig Sorgfalt verwendet; man achtet nicht genug darauf, daß letzteres auf hinreichend trockenen, luftigen Böden geschieht.

Zu den Hopfengärten wählt man einen warmen, humusreichen Boden, der gegen Wind und Wetter möglichst geschützt ist. Die in letzterer Zeit erfolgten häufigen und umfangreichen Abholzungen treten dem Erforderniß einer geschützen Lage sehr hinderlich in den Weg. Als Unterfrucht für den Hopfen nimmt man Braunkohl, große Bohnen oder Krupbohnen.“